Hier findest du den Beginn dieser Geschichte
1. Kapitel
Lior war die Kälte gewohnt, er hatte nie was anderes gekannt. Als er vor 15 Jahren zur Welt gekommen war, waren die Aurasken schon fertiggestellt und man hatte die nicht wohlhabende Bevölkerung der Kälte überlassen. Seine Eltern hatten sich immer für den Zusammenhalt der Menschen ausserhalb der Ausasken eingesetzt. In den Ruinen der Stadt, im südlichen Mittelland, hatten sie eine Gemeinschaft gefunden, die zusammenhielt und die sich gegenseitig unterstützten. Sein Vater war einer der erfolgreichsten Sucher gewesen. Man nannte jene Frauen und Männer so, die nach brennbaren Gegenständen suchten. Vater hätte eine Nase dafür gehabt, hat ihm die Mutter immer erzählt. Leider ist er von einer seiner Such-Touren nicht mehr zurückgekehrt. Man hat ihn später in einem eingestürzten Haus wieder gefunden. Und dann war auch Liors Mutter gegangen. Sie hatte sich beim Anstehen für Essen in einer besonders kalten Nacht erkältet und war diese Erkältung nicht mehr losgeworden. Lior hatte mitansehen müssen, wie seine Mutter immer schwächer geworden war. Er konnte ihr nicht helfen. Und an einem Morgen war sie nach einem heftigen Hustenanfall eingeschlafen und dann nie mehr aufgewacht.
Seither war Lior alleine unterwegs, er war immer noch ein Mitglied der Gemeinschaft und kehrte auch immer wieder in die etwas wärmeren Gebäude zurück. Aber es viel ihm schwer länger hier zu sein, an diesem Ort, wo seine Mutter gestorben war. Seine Streifzüge durch die Ruinen wurden immer länger, immer ausgedehnter. Wenn er auf eine andere Gruppe stiess, versuchte er, sich mit ihnen gut zustellen. Und meist wurde der 15-Jährige geduldet und durfte für einige Nächte in ihrer Wärme unterkommen.
Es war eine dieser Nächte, als er in einer ehemaligen Gärtnerei auf eine Gruppe gestossen war, die sich in einem der Gewächshäuser eingerichtet hatte. Wo früher Kräuter und Blumen aufgezogen worden waren, standen nun Gestelle mit den Betten und im vorderen Teil des Gewächshauses war ein Gemeinschaftsraum eingerichtet worden. In einem Ofen glomm ein kleines Feuer und als es Dunkel wurde und durch die verschmierten Glasscheiben langsam die ersten Sterne zu sehen waren, versammelten sich alle Mitglieder dieser Gemeinschaft, um den Ofen. Man erlaubte Lior dabei zu sein, wenn er versprach, über das was er in dieser Nacht zu hören bekam für immer zu schweigen. Ein wohliges Kribbeln überzog Liors Haut, als er sich zu der Gruppe setzte, was würde hier geheimnisvolles passieren? Leises Murmeln erfüllte den Raum, durchbrochen von einem leisen Knistern, dass aus dem Ofen kam. Dem Geruch nach, musste jemand Holz gefunden haben, dass hier nun für eine Wärme sorgte, die Lior schon lange nicht mehr gefühlt hatte. Neben dem Ofen stand ein alter Schaukelstuhl aus Holz und Lior fragte sich, ob der heute nacht noch für Wärme sorgen würde. Aber dann trat ein alter Mann aus dem Schatten neben den Ofen. Mit einem leisen Stöhnen setzte er sich auf den Schaukelstuhl und ein Mädchen brachte ihm eine Decke, die er über seine Beine legte. Im Schein des Ofenfeuers konnte Lior das zerfurchte Gesicht des Mannes erkennen. Falten zogen sich über das ganze Gesicht und obwohl seine Augen trübe waren, strahlte der alte Mann etwas ganz Besonderes aus. Als er einatmete, konnten alle Versammelten das Rasseln seines Atems hören und sofort wurde es still. Noch einmal holte der Alte Atem und dann begann er mit erstaunlich klarer Stimme zu erzählen:
„Es war eine Nacht wie keine andere. Eine Nacht, in der die Welt stillstand, eingefroren unter einem Himmel voller Sterne. Kein Mond wachte über das Land, kein Wind flüsterte durch die Ruinen der alten Zeit. Nur die Kälte war da – und ein Junge, der allein durch die gefrorene Einöde wanderte. Er hatte keinen Namen, keine Heimat, keine Vergangenheit, an die er sich erinnern konnte. Nur seine Schritte hinterliessen Spuren im Schnee, die bald vom Frost verschluckt wurden. Die Dunkelheit hätte ihn verschlingen können, die Kälte hätte ihn stumm gemacht – doch dann geschah etwas. Der Junge blieb stehen. Schaute hinauf. Und in diesem Moment wusste er, dass er nicht schweigen durfte. Er setzte sich hin, mitten in die eisige Stille, und begann zu sprechen. Erst waren es nur Worte, dann wurden es Bilder, und schließlich eine ganze Welt, die aus seinem Atem geboren wurde. Er erzählte von einem warmen Ort, an dem das Feuer nie erlosch. Von Stimmen, die lachten. Von einer Zeit, in der Menschen zusammenkamen, um Geschichten zu teilen. Und während er sprach, begann etwas in ihm zu leuchten. Kein Feuer, das man sehen konnte – aber eines, das wärmte. Die Nacht hörte zu. Die Sterne flimmerten, als wollten sie nicken. Und als der Junge seine Geschichte beendete, wusste er: Er mochte kein Zuhause mehr haben, keine Wurzeln in der alten Welt – aber er hatte eine Gabe: Er war ein Erzähler. Und solange er erzählte, würde die Dunkelheit nie das letzte Wort haben.“
Der Alte schwieg. Sein Blick ruhte auf Lior. Dann sackte er auf dem Stuhl in sich zusammen. Sofort kam eine Frau, half dem Alten auf und verschwand mit ihm im hinteren Teil des Gewächshauses. Lior war von seinen Gefühlen völlig überrumpelt. Noch nie hatte er etwas so Ergreifendes gehört. Noch nie haben Worte ihn so sehr berührt. Meinte der Alte wirklich ihn? Konnte es sein, dass er eine Gabe hatte? Und was soll das sein, ein Erzähler. Er hatte noch die davon gehört. Er würde den Alten fragen. Was war es, dass ihn so berührt hatte? War es die Stimme des Alten, oder war es dass, was er erzählt hatte. Vielleicht fühlten sich ja alle Zuhörer angesprochen, vielleicht war er nicht der Einzige, der das Gefühl hatte, dass der Alte nur für ihn diese Geschichte erzählt hatte. Lior wollte sich umsehen, um in den Gesichtern der anderen Menschen etwas zu erkennen. Aber er war alleine. Das Glimmen im Ofen war erloschen und langsam kroch die Kälte durch die Aluminiumschienen, welche die Glasfronten zusammenhielten. Es würde hier drinnen bald auch sehr kalt werden. Lior war froh, dass er eine warme Decke dabei hatte. Er würde mit dem Alten sprechen und dann einen Platz für sein Nachtlager suchen.
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