Was Überarbeiten bringt

Finger auf Computertastatur.

Ein grosser und wichtiger Teil der Arbeit als Autor ist das sogenannte «Überarbeiten». Ist der Entwurf einmal geschrieben geht es also daran, den Text nochmals zu bearbeiten. Auf Rechtschreibfehler, auf Grammatik mal sicher. Aber es geht auch darum zu beachten, ob der Text inhaltlich passt, ob z.B. der Hauptcharakter in einer Beschreibung plötzlich gelockte braune, statt der kurzen blonden Haare im Kapitel zuvor, hat. Aber es geht auch darum an der Sprache zu arbeiten, zu überlegen, ob die Figuren ihrem Charakter entsprechend handeln und sprechen.

Ich habe vor kurzem einen kurzen Absatz aus meinem Schreibprojekt überarbeitet und ich will gerne in der Folge einige Gedanken dazu mit euch teilen. Dazu teile ich mit euch den ersten Entwurf, den ich geschrieben habe. Keine literarische Meisterleistung, den hier geht es darum, die Idee aufs Papier zu bringen. Die Gedanken zu Buchstaben werden zu lassen. Oft sind hier Formulierungen sehr roh, Wortwiederholung an der Tagesordnung und Klammerbemerkungen (schöner Umschreiben), (mehr zeigen), (hier intensivere Gefühle) schmücken den Text. Also seid gnädig mit mir. Hier also der «Urtext» von besagtem Absatz:

Jochen murmelte ein halbherziges «Danke!», warf seinen Koffer auf eines der Betten und setzte sich daneben. Er musste erst mal verdauen, was in den letzten Minuten passiert war. Dass seine Eltern nicht ein Musterbeispiel an Herzlichkeit waren, das war ihm nicht erst seit heute bewusst. Aber dass sie einen so unterkühlten und schnellen Abgang machen würden, hatte ihn regelrecht überrumpelt. Natürlich war es ein «Geschäft», das an ihrer Flucht schuld war und wahrscheinlich war das auch der Grund, warum es beide Elternteile geschafft hatten, mit ihm an diesen gottvergessenen Ort zu fahren. Warum nur kam er sich vor, wie ein Haustier, dass auf dem Weg in den Urlaub an der Autobahnraststätte ausgesetzt worden war? – es war kein neues Gefühl, was aber nicht bedeutete, dass es nicht weh tat. Warum machen sie das? Was mache ich nur falsch, dass sie mich nicht bei sich haben wollen? Wie nur könnte ich Ihren Ansprüchen gerecht werden? Was könnte ich nur machen, dass sie mich wirklich einmal als ihren Sohn sehen? – Wie Salven eines Maschinengewehrs ratterten diese Gedanken durch Jochens Kopf und beschäftigten ihn so sehr, dass er gar nicht bemerkte, wie Tränen anfingen, über seine Wangen zu rannen.

Was habe ich «überarbeitet»

Wie oben beschrieben habe ich einige grammatikalische Dinge und Tippfehler korrigiert.

Ich habe mir Gedanken über das «Tempo» des Textes gemacht. Zum Beispiel ob die Passage mit den Fragen die sich am Ende Joe stellt, so passen. Sie sollen die Gedankenflut, die durch seinen Kopf rasen verdeutlichen, aber passt das zum Tempo, zur Stimmung in diesem Augenblick. Was fühlt Joe in diesem Moment und wie kann ich das dem Leser zeigen?

Passen die gewählten Formulierungen (Elternteil, Abgang, Musterbeispiel an Herzlichkeit) zu den Gedanken eines Teenagers?

Passen die verwendeten Metaphern «Wie Salven eines Maschinengewehrs ratterten diese Gedanken…», «…wie ein ausgesetztes Haustier…» zur Situation? Gäbe es bessere Umschreibungen?

Stimmt Joes Denken und Fühlen mit seiner Geschichte mit seinem Sein überein? Passt sein Handeln zu seinen Ängsten und zu seinen Wünschen? Passen seine eher «zynischen» Gedanken zu seiner Situation?

Nach all diesen Überlegungen habe ich den Absatz umgeschrieben, ergänzt, gestrichen und neu formuliert. Nachfolgend findest du den «überarbeiteten» Absatz:

Jochen murmelte ein halbherziges «Danke!», warf seinen Koffer auf eines der Betten und setzte sich daneben. Er musste erst mal verdauen, was in den letzten Minuten passiert war. Dass seine Eltern nicht ein die Vorzeige-Eltern waren, war ihm klar, so waren sie schon immer. Aber dass sie sich so schnell davon machen würden, hatte ihn regelrecht überrumpelt. Natürlich war es ein verdammtes Geschäft, das an ihrer Flucht schuld war und wahrscheinlich war das auch der Grund, warum es beide Eltern geschafft hatten, mit ihm an diesen gottvergessenen Ort zu fahren. Warum nur kam er sich vor, wie ein Haustier, das auf dem Weg in den Urlaub an der Autobahnraststätte ausgesetzt worden war? – es war kein neues Gefühl, was aber nicht bedeutete, dass es nicht wehtat. Warum machen sie das? – Was mache ich nur falsch, dass sie mich nicht bei sich haben wollen? – Was soll ich machen, damit sie mich gern haben? – Was kann ich nur machen, dass sie mich wirklich einmal als ihren Sohn sehen? – Wie Salven eines Maschinengewehrs ratterten diese Gedanken durch Jochens Kopf. Beim Blick durch das Fenster merkte Jochen erst, wie Tränen seinen Blick verschleierten.

Was denkst du über die Überarbeitung. Was ist aus deiner Sicht besser geworden, was schlechter?

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